Auszüge aus dem vorläufigen Romanentwurf
Hier finden Sie immer wieder verändert, einzelne Ausschnitte aus dem bewegten Leben von Celestine und ihren Gegenspielern. Da sich meine Story während des Schreibens weiter entwickelt und fast ein Eigenleben zu führen beginnt, verändern sich mit ihr auch immer wieder die Situationen. Erst wenn das gesamte Werk fertig gestellt ist, werde ich endgültig sagen: So soll die Handlung ablaufen und in dieser Reihenfolge muss es passieren. Bis dahin bitte ich um Geduld mit evtl. holpriger Ausrucksweise oder unlogischen Handlungsabläufen. Es ist mein erster Versuch!
Und hier die ausgewählten Textpassagen in ungeordneter Reihenfolge:
- Die Entdeckung von PsiTerra
'Warten Sie mal.' rief Celestine empört. 'Sie können doch nicht einfach über meinen Kopf hinweg bestimmen, dass ich etwas einnehmen soll. Das kommt überhaupt nicht in Frage. Ich werde unter gar keinen Umständen etwas schlucken. Lassen Sie sich gefälligst etwas anders einfallen. Ansonsten können Sie auf mich verzichten und ich gehe gleich wieder.'
'Celestine, ich bitte dich.' sagte Michael eingeschnappt. 'Es handelt sich lediglich um ein Beruhigungsmittel, das viele Menschen einnehmen, wenn sie sich entspannen wollen. Es ist keine abhängig machende Droge und hat auch keine Nebenwirkungen. Der Professor will, wie er mir versichert hat, nur herausfinden, ob ein Zusammenhang zwischen Toms Träumen und deiner Person besteht, indem er an dein Unterbewusstsein appelliert. Nichts weiter. Es ist völlig ungefährlich. Also stell dich doch bitte nicht so an.'
'Keine Chance!' sagte Celestine, während sie vom Stuhl aufstand. 'Ich gehe dann jetzt'.
'Fräulein Rabenstein, bitte warten Sie einen Augenblick' mischte sich nun Dr. Rascanu ein. 'Ich verstehe völlig, dass Sie sich gegen das Einnehmen eines nicht notwendigen Medikamentes sträuben. Auch ich halte nichts davon, den modernen Chemikalien unbedenklich zu trauen und bevorzuge natürliche Heilmittel. Ich glaube, dass es einen anderen Weg gibt, wie Sie nach PsiTerra gelangen können.'
Immer noch an der Tür stehend mit der Klinke in der Hand fragte Celestine: 'Wirklich? Wie haben Sie es sich denn gedacht?'
In einer fließenden Bewegung, die gar nicht zum knochigen Äußeren von Dr. Rascanu passte, war er aufgestanden und hatte Celestine am Arm genommen. Sehr bestimmend führte er sie zur Couch.
'Tom, würden Sie bitte die Couch frei machen.' sagte Dr. Rascanu in einem fast befehlenden Ton. Während Tom alle Bücher und Papiere mit zwei großen Handbewegungen von der Couch auf den Boden beförderte. drängte Dr. Rascanu Celestine dazu, sich hinzusetzen und die Beine hoch zunehmen. Fast widerspruchslos und durch die Bestimmtheit in Dr. Rascanus Stimme überrascht, ließ Celestine sich darauf ein.
Zu den Anderen gewandt, erklärte Dr. Rascanu. 'Ich habe Erfahrungen mit den alten Heilverfahren meines Volkes und mit den Trancetechniken der sibirischen Schamanen. Ich denke, dass damit die Geistreise nach PsiTerra erfolgen könnte.'
An Celestine gewandt sagte er: 'Fräulein Rabenstein, sie brauchen keine Sorge zu haben. Sie müssen nichts einnehmen, es ist auch keine Hypnose und sie können jederzeit bestimmen, wann sie aufhören möchten. Wollen Sie einen Versuch für die Rettung von Toms Freundin unternehmen?'
So beeinflussend gefragt, konnte Celestine schlecht nein sagen. 'Also gut. Das kann ich probieren. Aber ich sage Ihnen gleich, sobald Sie versuchen, mich zu hypnotisieren oder ähnliches, verschwinde ich sofort von hier.'
Ohne auf ihre Einwände zu achten, begann Dr. Rascanu, wie gedankenverloren, vor sich hin zu summen und dazwischen immer wieder einige Worte einer Celestine unbekannten Sprache zu intonieren. Sie wusste zwar nicht ganz genau wie Rumänisch klang, aber diese Worte hörten sich nach einer viel älteren, ursprünglichern und primitiveren Sprache an. Da sie nicht wusste, was nun von ihre erwartet wurde, blieb sie einfach weiter sitzen und lauschte dem murmelnden Gesang des Rumänen. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, dass auch die anderen im Zimmer Anwesenden gebannt zuhörten und fast wie erstarrt in ihren Sesseln saßen.
Der an- und abschwellende Tonfall hatte ein beruhigende Wirkung, der sich auch Celestine nicht entziehen konnte. Langsam begann sie einfach nur so vor sich hin zu träumen, wie man es manchmal bei langweiligen Autofahrten erlebte. Es ging ihr nichts Besonderes durch den Sinn. Sie fühlte sich einfach nur wohl und entspannt und ließ ihren Gedanken freien Lauf. Ab und zu versuchte sie noch, die Worte in dem Singsang zu verstehen, doch bald war ihr auch diese Mühe zu groß und sie ließ sich nur noch treiben.
Vor ihren Augen begann die Umgebung sich in einen blauen Schleier zu hüllen. Nichts Bedrohliches. Ganz im Gegenteil. Ihr kam es vor, als hätte sie nur darauf gewartet und wäre froh, dass es nun endlich passierte. Zwischendurch kämpften sich immer wieder Worte wie blau, PsiTerra, Tina, helfen und Psi-Sphäre zu ihrem Gehirn durch. Unbewusst nahm sie zwar wahr, dass Dr. Rascanu sie in seiner melodischen, warmen Stimme sang, doch irgendwie schienen sie auch Teil ihres Denkens zu sein. Celestine merkte nicht, wie sie langsam in immer tiefere Trance fiel.
Obwohl sie sich bewusst war, dass sie immer noch entspannt und regungslos auf der Couch in Professor Steinings Arbeitszimmer saß, hatte sie doch plötzlich das Gefühl vor Kraft und Energie strotzend etwas unternehmen zu müssen. Während sie sich noch an diesem wunderbaren Gefühl von Stärke und Gesundheit erfreute, bemerkte sie plötzlich, dass sie einen Felsen hoch kletterte. Die salzhaltige Luft der unter ihr rollenden Wellen eines dunkelblauen Meeres drangen ihr in die Nase. Der Felsen fühlte sich rissig an, fast wie Tuffstein und bot ihren geschickten, kräftigen Fingern und nackten Zehen einen sicheren Halt. Fast mühelos hangelte sie sich bis zur Spitze der Felsnadel hinauf und hatte nun einen fantastischen Blick über die Weite des Meeres bis zum Horizont. Ohne zu Zögern ging sie in ihrem knappen, eng anliegenden, dunkelgrünen Badenanzug bis an die Kante der Felsnadel, stellte sich in Position und sprang in die Tiefe. Sie breitete die Arme aus und fühlte sich wie ein Adler, der sich vom Aufwind getrieben, durch die Lüfte gleiten ließ. Kurz vor dem Eintauchen in das nun türkis schimmernde Wasser, auf dessen Oberfläche sich kleine Wellen kräuselten, brachte sie ihre Arme nach vorne und stieß gleich einem Haubentaucher elegant in die Fluten. Unter Wasser empfing sie ein sanftes Leuchten, dass durch die sich im nassen Element eintauchenden Sonnenstrahlen bildete. Immer tiefer und tiefer glitt sie fischähnlich hinab, bis die Vorwärtsbewegung des Sprungs sich erschöpfte und sie mit gleichmäßigen Beinbewegungen zur Oberfläche zurück schwamm.
Celestine hatte schon immer die Klippenspringer bewundert, die man manchmal in Reiseberichten im Fernsehen zu sehen bekam und sich vorgestellt, wie es sein mochte, dies auch einmal zu probieren. Natürlich hätte sie im echten Leben nie den Versuch gewagt, eine Klippe hinunter zu springen. Dafür war sie viel zu sehr auf Sicherheit bedacht. Doch jetzt und hier hatte sie keine dieser Bedenken geplagt. Allmählich dämmerte es ihr, dass sie wohl in PsiTerra angekommen war. Denn nur so konnte sie sich erklären, dass sie eigentlich etwas völlig Verrücktes getan hatte und sich trotzdem so wunderbar fühlte. Während sie sich auf dem Rücken liegend, von den Wellen durchschaukeln ließ, freute sie sich über die wärmenden Sonnenstrahlen, die ihre Haut liebkosten und die Möwen, die fliegerische Kunststücke hoch über ihrem Kopf vollbrachten. Alles hätte ganz harmonisch sein können, wenn sie nicht plötzlich durch eine Stimme im hintersten Winkel ihres Gehörganges unterbrochen worden wäre. Die Stimme war nicht laut aber trotzdem war es ihr unmöglich sie zu ignorieren. Sie hörte genauer hin und erkannte Dr. Rascanus Stimme, die sie immer und immer wieder bat, sich nach Toms Freundin Tina umzusehen.
Nachgebend schwamm Celestine an den nahen Felsenstrand und kletterte aus dem Wasser hinaus.
Und nun? Wie genau stellte sich Dr. Rascanu vor, dass sie Tina finden sollte. 'Was soll ich tun?' rief sie laut in den strahlenden Sommertag hinein. Doch niemand antwortete ihr. Die Möwen zogen weiter unberührt ihre Kreise und auch Dr. Rascanus Stimme war nicht mehr zu hören.
'Also gut,' sagte Celestine zu sich selbst. 'Als erstes muss ich mal sehen, wie ich an Kleidung und Schuhe heran komme. Aua,. Besonders an Schuhe!' Vorsichtig kletterte Celestine barfuss über die spitzkantigen Felsformationen zum Fuße der Felsnadel von der sie gerade gesprungen war, weil sie dort ihre Sachen vermutete. Und tatsächlich dort lagen verschiedene Kleidungsstücke. Bei näherem Betrachten stellten sie sich als praktische lange oliv-farbene Baumwollhosen, eine weiße Rüschenbluse und weiche braune Wildlederstiefel heraus. Sie konnte sich zwar nicht erinnern, je so etwas gekauft zu haben, aber trotzdem passten ihr alle Sachen erstaunlich gut als sie sie über ihren Badeanzug zog, der erstaunlicherweise bereits trocken zu sein schien.
Jetzt konnte es losgehen. Ihr Blick schweifte über die karge Felsenlandschaft. Wo mochte Toms Freundin sich aufhalten? Celestine erinnerte sich an die Beschreibungen von Professor Steining. Er hatte von Psi-Sphären geredet. Psi-Sphären schienen demnach große Blasen zu sein, die in einem Universum aus blauem Nebel dahin schwebten und sich ab und zu berührten. Zumindest hoffte Tom dies. Celestine musste also versuchen an den Rand ihrer eigenen Psi-Sphäre zu gelangen, um dort vielleicht einen Weg zu einer anderen Psi-Sphäre zu finden.
Als sie sich erneut umblickte, hatte sich die felsige Landschaft verändert. Das Meer war nach wie vor zu ihrer Linken, doch rechts von ihr erstreckten sich nun nicht mehr die spitzkantigen Steine, sondern eine flache Wüste breitete sich bis zum Horizont aus. Als sie blinzelte, um ihre Augen schärfer auf den Horizont einzustellen, sah sie plötzlich in gar nicht weiter Entfernung eine riesige milchig-weiße Wand bis zum Himmel aufragen. Sie schien halb durchsichtig zu sein. Entschlossen machte sich Celestine auf den Weg. Sie rechnete damit etwa 20 Minuten unterwegs zu sein, wenn sie sich in der Entfernung nicht verschätzt hatte. Doch bereits nach wenigen Minuten hatte sie sich der transparenten Wand soweit genähert, dass sie Details erkennen konnte. Sie schien ebenmäßig glatt zu sein und absolut gerade. Sie stand im rechten Winkel auf dem nun ebenfalls wie glatt geschliffenen Untergrund. Obwohl Celestine den Eindruck hatte, dass die Wand durchsichtig sei, konnte sie nichts auf der anderen Seite erkennen. Vermutlich lag dies an dem Material aus dem die Wand bestand. Es sah aus wie Milch in flüssigem Gelee. Es gab Schlieren, die durchsichtiger waren und welche, die fast wie eine Scheibe weißen Ziegenkäses aussahen. Vorsichtig streckte Celestine eine Hand aus, um die Wand zu berühren. Sofort entstanden um ihre Finger herum Verwirbelungen, die der Wand ein ganz neues abstraktes Muster gaben. Das Ganze erinnerte Celestine an Fraktale, die sie einmal in einem Bericht in der PM-Zeitung für naturwissenschaftlich Interessierte gesehen hatte. Die Abbildungen waren zwar sehr bunt gewesen, die Wand dagegen bestand nur aus verschiedenen Weißtönen, doch die Ähnlichkeit in den Mustern war unverkennbar.
Celestine versuchte, ihre Hand soweit durch zu stecken, dass sie auf der anderen Seite wieder heraus kam. Doch da die milchige weiße Substanz weder eine fühlbare Konsistenz noch eine wahrnehmbare Temperatur hatte, konnte sie einfach nicht fühlen, ob ihre Hand aus der Wand ausgetreten war. Die einzige Möglichkeit war es wohl, ihren Kopf hindurch zu stecken.
Allen Mut zusammen nehmend holte sie tief Luft, hielt sich die Nase mit der rechten Hand zu und tauchte ihren Kopf in die flüssige Oberfläche ein. Entgegen ihren Vermutungen fühlte es sich nicht wie ein Eintauchen in Wasser an, sondern eher wie ein Durchstreifen eines Nebels an einem Herbstmorgen. Auch als sie probeweise versuchte, zu atmen, schien dies kein Problem zu sein. Noch ehe sie weiter darüber nachdenken konnte, hatte ihr Kopf das äußere Ende der Wand erreicht und sie blickte in ein Universum, in dem es nichts außer wabernden blauen Nebelschaden zu sehen gab.
Wie zum Teufel sollte sie hier Toms Freundin finden. Es gab absolut nichts um sie herum. Nichts zu sehen, nichts zu hören, nichts zu fühlen. Es war als ob sie in einem blauen Vakuum stand. Einige der Nebelschaden schienen ab und zu ihre Farbe zu verändern und changierten in der ganzen Bandbreite der Blau- und Violett-Töne, aber ansonsten passierte hier draußen gar nichts.
Wahrscheinlich würde Tina nicht irgendwo in diesem blauen Nebel herum schwimmen, sondern würde sich ebenfalls in einer Psi-Sphäre aufhalten. So vermutete es Tom zumindest. Also müsste sie nach einer Psi-Sphäre Ausschau halten. Wie diese aussehen könnte, wusste Celestine nicht, doch sie vermutete, dass sie ebenfalls mit einer ähnlichen weißen transparenten Wand wie die ihre umgeben sein könnte. Noch während sie sich überlegte, ob die Psi-Sphäre wohl rund, eckig, groß oder klein sein würde, tauchten am äußeren Rand ihres Blickfeldes mehrere weiß schimmernde riesige Bälle auf, die durch strahlend leuchtende, rotgoldene Lichtbänder miteinander verbunden zu sein schienen. Vage erinnerte sie Celestine an die Modelle von Atomen, nur dass die, vor ihr wie aus dem Nichtsauftauchenden, Psi-Sphären sich alle in Bewegung zu befinden schienen. Die rotgoldenen Lichtbänder, die die Kugeln wie Straßen miteinander verbanden, dehnten sich mal aus und zogen sich dann wieder zusammen. Alles schien im Fluss zu sein und zu pulsieren.
Celestine fragte sich, wie die Psi-Sphären wohl im Inneren aussehen würden und ob sie vielleicht ähnlich strukturiert wären wie ihre eigene Psi-Sphäre. Von außen schienen sie alle sehr ähnlich auszusehen. Nur in einer Psi-Sphäre glaubte sie etwas zu erkennen. Es sah aus wie ein spitzer hoher mit Schneebedeckter Berg. Gerne würde sie sich dies einmal aus der Nähe angucken. Doch wie sollte sie dorthin gelangen?
Plötzlich fühlte sie, wie die Sphäre mit dem Berg näher kam, bzw. auf ihn zuglitt. So genau konnte sie den Bewegung nicht auseinander halten. Es schien, als ob Gedanken Wirklichkeit werden würde. Wenn man sich etwas nähern wollte, brauchte man nur daran zu denken und schon war man dort. Das Gefühl hatte etwas Saugendes an sich. Nicht unangenehmen aber doch spürbar, wie eine Hindurchschlüpfen durch eine sich in der Mitte verjüngende Röhre, in der man sich ganz lang und dünn machen musste, um hindurch zu passen. Doch der Moment war sehr flüchtig, so dass sich Celestine nicht sicher war, ob sie dieses Gefühl wirklich gespürt hatte.
- Wird Celestine die Verlobung mit Alexander zum Verhängnis?
"Ich bin Dir zum Club gefolgt" sagte Celestine und wartete geduldig auf Alexanders Reaktion. Halb hoffte sie, er würde sich mit seinem charmanten Lächeln zu ihr umdrehen, sie in den Arm nehmen und sie ein kleines Dummerchen nennen, wie er es schon so oft gemacht hatte. Sie würde seine völlig logisch klingende Aufklärung der Situation in sich aufsaugen und sich freuen, dass alles wieder in Ordnung war.
Andererseits hatte sie diesmal mit eigenen Augen gesehen, dass er eine bezaubernde High-Society-Blondine mit bis zur Taille reichenden, langen Beinen keineswegs brüderlich in den Arm genommen hatte.
"Ach ja?" meinte Alexander nur, als er zwei bedrohliche Schritte auf sie zukam. "Du weißt gar nicht, wie froh ich bin, dass diese Charade endlich zu Ende ist." Völlig perplex konnte sie ihn nur anstarren. Mit solch einem Verhalten hatte sie nicht gerechnet.
Während er sich vor Celestine aufbaute und ihre beiden Oberarme unsanft anpackte, sagte er: "Das Spiel hat mir sowieso schon viel zu lange gedauert. Nur wegen einer verlorenen Wette, wurde ich ausgewählt, einer dummen, humorlosen Pute, die noch nicht einmal attraktiv aussieht, den Hof zu machen. Du hättest Dir doch denken können, dass ein Mann meiner Klasse, sich nicht auf Deine Ebene herablassen würde". Mit einem Ruck ließ er die ersten Knöpfe ihrer Jeansbluse abplatzen und streifte ihr die Schulterpartie so über die Oberarme, dass sie sich wie gefesselt vorkam. Er schob Celestine dabei vor sich her in das Badezimmer ihrer kleinen gemeinsamen Wohnung. Sie spürte seine Faust in ihrem Rücken, die das Jeanshemd damit stramm über ihre Brust zog und ihre Arme nach hinten zwang. In aller Ruhe begann er das Zahnputzglas mit Leitungswasser zu füllen. Dann schnippte er die weiße Plastikkappe von dem Glas mit den Schlaftabletten, die der Arzt Celestine gegen ihre beunruhigenden Träume verschrieben hatte.
"Was tust Du da? Lass mich los. Du tust mir weh." Celestine versuchte sich aus dem harten Griff zu befreien, doch Alexander war einen Kopf größer als sie und durch seine zahlreichen Tennis- und Polostunden gut durchtrainiert.
"Mach den Mund auf oder ich tue Dir richtig weh." Bösartig funkelten seine Augen, während er sie mit harter Hand an die Fliesenwand drückte. Sie konnte kaum noch Luft holen. Trotzdem presste sie ihre Kiefer zusammen, denn ihr wurde langsam klar, dass ihr geliebter Alexander, der ihr vor zwei Wochen noch einen Heiratsantrag gemacht hatte, sie nun umbringen wollte. Noch einmal versuchte Celestine sich aus dem eisernen Griff zu befreien. Ohne Erfolg.
"Wie Du willst." Die Hand, die sie brutal an der Schläfe traf und ihren Kopf gegen die Wand schleuderte, sah sie nicht kommen. Plötzlich wurde alles dunkel um sie herum. Celestine sank benommen zu Boden.
Als sie wieder halbwegs zu Bewusstsein kam, würgte sie an der breiigen Masse, die ihren Mund füllte. Sie glaubte ersticken zu müssen. Bevor sie richtig zu sich kommen konnte und die Situation voll begriff, flößte ihr Alexander kaltblütig ein halbes Glas Wasser ein, mit dem sie die zerdrückten Pillen instinktiv herunter schluckte. Erst dann kam ihre Erinnerung voll zurück und sie versuchte die Reste der zähen Masse auszuspucken. Aber sie wusste selbst, dass es zu spät war. Sie hatte gerade unfreiwillig eine Überdosis Schlaftabletten eingenommen.
Doch noch setzte die Wirkung nicht ein und ihr Peiniger hielt sie auch nicht mehr in seinem eisernen Griff gefangen. Er drehte ihr in aller Seelenruhe den Rücken zu, um das Wasser in die übergroße Badewanne einlaufen zu lassen, die er ihr zum Einzug geschenkt hatte. Noch etwas benommen versuchte Celestine sich leise aufzurappeln. Doch sie war zu geschwächt. Also begann sie auf allen vieren aus dem Badezimmer zu kriechen. Schon glaubte sie den Flur erreicht zu haben, als sie mit einem Ruck an den Beinen zurück gezogen wurde. "Wo willst Du denn hin, Du kleine Schlampe? Du bist ja ganz verheult. Nimm erst einmal ein Bad." höhnte Alexander.
Noch bevor sie erkannte, was er tun wollte, hatte er bereits den Reißverschluss ihres neuen, engen Rockes geöffnet und ihn samt Slip über ihre Knöchel herunter gezogen. Sie versuchte, sich vom Boden aufzurichten, doch Alexander hatte sich blitzschnell rittlings auf sie gesetzt und knüpfte ihre Bluse und den vorne zu schließenden BH mit flinken Fingern auf. Mit brutaler Gewalt zwang er ihre Arme anschließend aus den Kleidungsstücken, bis sie nackt und wehrlos unter ihm lag.
Danach stand er, geschmeidig wie ein Raubkatze auf und zog sie mit einem Ruck zu sich hoch. Mit Leichtigkeit konnte er Celestine nun, wie in glücklicheren Tagen, aufheben. Doch anders als in früheren Zeiten, blickten seine Augen jetzt nur kalt und leidenschaftslos auf sie herab. Fast sanft ließ er sie in die volle Badewanne gleiten. Dort hielt er ihre Schulter nach unten gedrückt fest, so dass sie keinen Halt fand, um sich frei zu kämpfen.
So langsam fühlte sie die Wirkung des Schlafmittels einsetzen. Ihre Glieder wurden schwer, sie konnte kaum noch die Augen aufhalten und der Hilferuf, den sie in die Nacht schreien wollte, hörte sich selbst für ihre Ohren nur wie ein lallendes Röcheln an.
Sie merkte noch wie Alexander sie losließ und hörte kurz darauf die Haustür ins Schloss fallen. Offensichtlich wollte er sich ein Alibi verschaffen und nicht in ihrer gemeinsamen Wohnung angetroffen werden.
Unaufhaltsam füllte sich die Badewanne mit kaltem Wasser. Ein Fehler, den ihr ehemaliger Verlobter begangen hatte, wie sich nun herausstellte. Denn die eiskalte Flüssigkeit hielt Celstine noch soweit bei Bewusstsein, dass sie ihren Oberkörper mit fast übermenschlicher Willensstärke auf den breiten Beckenrand hieven konnte. Ihr letzter Gedanke bevor die Welt um sie herum endgültig im Dunkel versank, beschäftigte sich mit der Tatsache, dass sie sterben würde, wenn sie niemand in den nächsten paar Minuten fand.
- Jeremy lernt die blaue Wet von PsiTerra kennen
Jeremy war letzten Monat 24 Jahre alt geworden. An seinem Geburtstag hatte er noch geglaubt, dass sein Leben mit der Erledigung von Gelegenheitsjobs, die ihm der Pastor verschaffte, weiter ereignislos dahin plätschern würde, ohne ihm je die Chance auf das ganz große Geld zu ermöglichen. Wie sehr hatte er seit seiner Kindheit die anderen Jungs in der Kirche bewundert, die mit ihren hochnäsigen Eltern stets in den neusten Designer-Shirts gelangweilt in den ersten Bankreihen gesessen hatten. Anderswo standen Kirchen leer oder wurden nur vereinzelt von einigen älteren Gemeindemitgliedern besucht. Nicht hier in seiner Heimatstadt. Hier gehörte es zum guten Ton, sich wenigstens einmal in der Woche in der Kirche blicken zu lassen und regelmäßig bei den Wohltätigkeitsveranstaltungen zu spenden. Nicht selten wurden dabei geschäftliche Transaktionen in die Wege geleitet oder über wünschenswerte Kontakte der Söhne und Töchter dieser finanziellen Elite geredet.
Obwohl nur wenige Kilometer von der Landeshauptstadt entfernt, hatte sein Ort die beschauliche, von den Städtern so geliebte, romantische Atmosphäre bewahren können. Dies war auch der Grund, warum nach und nach immer mehr Finanzmakler, Bankenvorstände, Großindustrielle und Firmeninhaber sich ihre exklusiven Villen hier gebaut hatten. Die Verkehrsanbindungen waren optimal und die Kleinstadt hatte den Ruf, sich fernab von Schmutz und Kriminalität zu befinden.
Natürlich gab es auch hier Armut. Doch wenn man nicht wollte, sah man sie nicht, was letztendlich dem engagierten Pastor zu verdanken war. Selbst aus der oberen Schicht stammend, wusste er, wie er sich das Geld seiner Gemeinde sichern konnte und welche Kompromisse er eingehen musste, um diese Geldquelle nicht versiegen zu lassen. Dazu gehörte, dass man die Armut auf bestimmte Gebiete beschränkte, was er durch seine täglichen Essensausgaben in der alten Fabrikhalle am Stadtrand erreichte. Auch führte er die Anmietung von Kirchenbänken für einen bestimmten Zeitraum ein. Bald schon musste er lange Wartelisten für bevorzugte Plätze führen, denn kaum jemand aus der privilegierten Kirchengemeinde konnte es sich leisten, sich auszuschließen. Wer etwas auf sich hielt und sein gesellschaftliche und geschäftliche Position ausbauen wollte, musste dabei sein, unabhängig von der Stärke oder sogar dem eventuellen Nichtvorhandensein einer religiösen Überzeugung.
Obwohl Jeremy nach außen hin so tat, als würde er sich über dieses Verhalten lächerlich machen, wünschte er sich insgeheim doch, dass auch er sich einmal eine Bank in der Kirche würde leisten können. Wenn er Geld und Macht hätte, könnte er sich ein eigenes Haus bauen und damit die Wohnung seiner, zwischen Volltrunkenheit und Entzug schwankenden, Mutter hinter sich lassen. Sie trank schon seit mehr als 15 Jahren, was auch der Grund gewesen war, weswegen Jeremy schon während der Grundschule nachmittags immer öfter in das Freizeitheim der örtlichen Kirchengemeinde geflohen war. Gott, der Teufel und das ganze religiöse Brimborium hatte ihm zu dieser Zeit nichts bedeutet, er hatte es lediglich als notwendiges Übel in Kauf genommen, um der lauten Hinterhofwohnung in der stinkenden und verdreckten Gasse unweit des Busbahnhofes zu entkommen.
Doch nach und nach lernte er bei den täglichen Essensausgaben, die der Pastor für die armen Mitglieder seiner Gemeinde organisierte, dass Religion eine Zuflucht sein konnte. Etwas, was einem half, von der Realität eine Pause zu machen. Obwohl nie regelmäßig zur Schule gegangen, konnte Jeremy erstaunlich gut lesen und schreiben und hatte eine Begabung für das Auswendiglernen ganzer Textseiten. Schnell erkannte er, dass der, immer auf seine Herkunft bedachte, Pastor ihm zu mehr verhelfen konnte, als nur einem warmen Essen einmal am Tag. Dazu gehörte lediglich ein wenig Einschmeichelei und das hatte Jeremy schon von Kindheit an bei den Tante-Emma-Läden seiner Nachbarschaft gelernt, wo er sich seine Süßigkeiten zusammen gebettelt hatte.
So kam es, dass er für das Wohlwollen des Pastors und die damit verbundenen kleinen, bezahlten Hilfstätigkeiten, ganze Bibelseiten, Choräle und Psalmen auswendig lernte, um sie dann bei passenden Gelegenheiten einzustreuen. Was als Einschmeichelei begonnen hatte, begeisterte ihn aber mehr und mehr und schließlich verbrachte er freiwillig ganze Stunden beim Beten und Nachsinnen über den Himmel und die Hölle. Besonders faszinierte ihn das Alte Testament mit seinen klaren Regeln. Das Recht des Stärkeren und der Grundsatz Auge um Auge waren die beherrschenden Leitsätze dieser längst vergangenen Zeit, ganz ähnlich wie in seiner eigenen kleinen Welt, die fernab der schönen Bilder aus der Fernsehwerbung stattfand. Eine seiner auswendig gelernten Absätze aus dem Buch Moses lautete:
"Wenn man einen Erschlagenen findet in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird, es einzunehmen, und er liegt auf freiem Felde und man weiß nicht, wer ihn erschlagen hat, so sollen deine Ältesten und Richter hinausgehen und den Weg abmessen von dem Erschlagenen bis zu den umliegenden Städten. Welche Stadt am nächsten liegt, deren Älteste sollen eine junge Kuh nehmen, mit der man noch nicht gearbeitet und die noch nicht am Joch gezogen hat, und sollen sie hinabführen in einen Talgrund, der weder bearbeitet noch besät ist, und dort im Talgrund ihr das Genick brechen."
"Genau so hätte ich es auch gemacht", fand Jeremy. Natürlich stellte er sich in seiner Fantasie vor, ebenfalls zu den Ältesten und Richtern zu gehören und nicht zum gewöhnlichen Volk. Auch ein Grund, warum er sich nicht so recht mit dem, aus niederen Verhältnissen stammenden, Messias anfreunden konnte. Im Gegensatz zu diesem alles verzeihenden und vergebenden Weichling Jesus, strahlten die Menschen im Alten Testament Stärke und Selbstvertrauen aus. Sie wussten genau, wohin sie gehörten. Sie waren Herrscher und hatten Macht über ganze Völkerstämme. So hätte Jeremy auch gerne sein Leben verbracht.
Stattdessen rutschte er jeden zweiten Tag auf Knien in der Kirche herum, um die alten Steinplatten vergangener Generationen, die den Boden der aus dem 16. Jahrhundert stammenden Nikolaikirche bedeckten, zu putzen. Während er die Inschriften vor der Nische mit der Heiligen Mutter Maria mit dem Wischlappen bearbeitete, sann er zum wiederholten Male darüber nach, warum Gott ihn nicht in eine andere Familie hätte hinein gebären können. Wie viel einfacher wäre sein Leben, wenn sein Nachname Hohenhausen, Schöller oder Bertelsmann lauten würde.
Während er wieder einmal ganz in Gedanken versunken neben seinem Wischeimer auf dem kalten Kirchenboden kniete und über das unfaire Schicksal nachsann, geschah es.
Von einem Moment zum anderen befand er sich nicht mehr in der romanischen Basilika seiner Heimatstadt, sondern wanderte durch einen wunderschönen, lichtdurchfluteten, blau-schimmernden Nebel, der ihn wie die seidigen Haare seiner ersten Jugendliebe umfloss.
"Jeremy, was tust Du denn da? Es ist schon nach 10.00 Uhr. Bist Du nicht endlich fertig? Ich will die Kirche abschließen." Die ungeduldigen Fragen des Pastors drangen wie durch Watte in Jeremys Gehirn. Der sanft pulsierende Nebel begann sich aufzulösen und die Statue der Mutter Maria rückte wieder in sein Bewusstsein. Ungläubig schüttelte Jeremy seinen kurzgeschorenen Kopf. Hatte er gerade eine göttliche Erscheinung gehabt?
"Jeremy! Was ist denn nun?" tönte es überlaut aus dem Mittelgang der Kirche.
Hastig sammelte Jeremy seine Putzausrüstung zusammen. "Ich bin sofort fertig. Ich leere nur noch den Wassereimer aus."
"Ja, gut. Beile Dich. Ich warte draußen am Haupttor auf Dich."
Jeremy eilte in den kleinen Vorbereitungsraum hinter dem Altar, in dem sich der Schrank mit den Putzmitteln befand, leerte seinen Eimer mit schmutzigem Wasser aus und verstaute alles wieder an seinem rechten Platz. Darauf legte der Pastor besonders großen Wert. Alles musste immer an seinem Platz liegen und blitzblank sein. Diese Manie, die wie Jeremy fand, völlig unsinnig war, bescherte ihm aber einen ganz ansehnlichen Nebenverdienst.
Schon etwas gefasster löschte er das Licht in der Sakristei und dem Mittelgang und begab sich im Schein des Mondlichtes zum Haupttor, während seine Gedanken wieder zu seiner Erscheinung zurück kehrten. Eigentlich war es gar keine echte Vision gewesen. Zumindest nicht in der Art, wie sie in der Bibel beschrieben war. Er hatte keinen heiligen Geist erkennen können. Auch hatte keine Stimme zu ihm gesprochen und ihm einen Auftrag erteilt. Aber wenn es keine Vision gewesen war, was war es denn?
Am Haupttor angelangt, verabschiedete er sich von seinem Arbeitgeber und machte sich scheinbar auf den Weg nach Hause. Doch sobald er außer Sichtweite war, drehte er ab und schlich sich heimlich zum alten Teil des Friedhofes, seinem Lieblingsplatz. Hier konnte er ungestört auf den alten Grabsteinen sitzen, ohne dass sein Mutter ihn beim Nachdenken störte. So spät in der Nacht war das schmiedeiserne, doppel-flügelige Tor natürlich abgesperrt, aber Jeremy wandte sich nach rechts, weil er aus Erfahrung wusste, dass die Mauer um den alten Friedhof herum niedriger war. In alten Zeiten hatte man wohl noch nicht an Grabschänder gedacht und Mauern um Friedhöfe eher zur Zierde als zur Abschreckung unerwünschter Besucher gezogen. Mit einem gekonnten Schwung landete er auf der andere Seite und begab sich auf direktem Weg zu seinem Engel. So nannte er das Grab, dessen Inschrift kaum noch zu lesen war, aber an dessen Kopfende eine fast lebensgroße Statue eines herabschwebenden Engels stand.
Solch eine Erscheinung hätte er sich in seiner Vision gewünscht. Nicht aber diesen unendlichen, blauen Nebel. Vielleicht hätte er länger bleiben und sich umsehen sollen. Er beschloss, Gott noch eine zweite Chance zu geben, ihn auszuerwählen.
Leider hatte er keine Ahnung wie man Visionen hervorrufen konnte. In der Bibel geschahen sie nachts in Träumen oder Menschen wachten plötzlich auf und sahen ihren Engel. Er hatte jedoch nicht vor, die Nacht schlafend auf der Grabplatte zu verbringen, obwohl die Temperaturen an diesem Spätsommerabend durchaus noch erträglich waren. Möglicherweise reichte es, sich die Situation in der Kirche bildlich vorzustellen. Dort hatte er mit seinem Wischeimer auf dem Steinboden gekniet und von einem besseren Leben geträumt. Das sollte ihm auch auf diesem alten Friedhof nicht schwer fallen. Die Grabplatte zu seinen Füßen ähnelte den Steinplatten in der Kirche und statt der Mutter Maria mit ihrem Kind befand er sich vor der Statue einer ebenfalls heiligen Gestalt.
Er kniete sich auf den, teilweise mit feinem Moos bedeckten, etwas glitschigen Sandstein und schloss die Augen. Schon immer fiel es ihm leicht, die Welt auszuschließen und sich ganz in seine Fantasiewelt zurück zu ziehen. Auch diesmal klappte es auf Anhieb. Während die Geräusche der Nacht um ihn herum aus seinem Bewusstsein verschwanden, zwang er sich, nicht wie sonst immer, an sein unvermeidlich scheinendes Schicksal zu denken, sondern konzentrierte sich auf die Farbe Blau, auf Nebel und auf das wohlige Gefühl, dass er in der Kirche beim Anblick der wabernden Nebelfetzen gespürt hatte.
Aus den Augenwinkeln seiner immer noch geschlossenen Augen glaubte er, einen blau-türkisfarbenen Schimmer zusehen. Er hielt seine Augen weiter fest geschlossen und begann sich nun in Gedanken auf das fast schon vertraute Funkeln zu zu bewegen. Plötzlich war sie wieder da, die blaue Welt.
Wie beim letzten Mal umspielten ihn die pulsierenden, halb-transparenten Schwaden. Jeden Schritt den er in Gedanken zurück legte, veränderte das Muster der Farben dieser in sich leuchtenden Sphäre. Er wedelte mit seinen Händen und beobachtete, wie sich die samtig aussehende Luft in Wirbeln um seine Arme wand. Er jetzt bemerkte er, dass die Luft, obwohl sie so undurchdringlich aussah, frisch und klar schmeckte. Fast wie an einem Frühlingstag direkt nach Sonnenaufgang, bevor der Tau getrocknet war. Es war ein befreiendes und unglaublich sinnliches Gefühl. Im Gegensatz zu seinen, sonst immer um das gleiche Thema kreisenden, Gedanken, fühlte sich sein Gehirn fast wie leer geblasen an. Als er begann, sich dessen bewusst zu werden, stellte er sich vor, dass es sich so anfühlen würde, wenn er reich wäre und seine Traumvilla mit dem übergroßen, weichen Bett, dass ihm ganz alleine gehören würde, bereits gebaut hätte.
Diesen Gedanken hatte er noch nicht zu Ende geführt, als er in der Ferne einen Gegenstand zu erkennen glaubte. Alleine der Gedanke, sich dieses Objekt näher betrachten zu wollen, brachte ihn von einem Moment zum anderen dorthin. Er staunte nicht schlecht, denn vor ihm stand genau das Bett, an das er eben noch gedacht hatte. Noch bevor er sich genüsslich auf das weiche Lager werfen konnte, wurde er durch das Geräusch kratzender Borsten auf Stein, unsanft aus seiner Vision gerissen.
Von einem Augenblick zum nächsten begann er wieder, den nun kühlen Wind und die nasskalte Grabplatte zu spüren. Vor ihm stand der zurückgebliebene Friedhofsgärtner, den alle nur Humpi riefen, weil er seit dem Autounfall vor 9 Jahren ein Bein leicht hinter sich herzog. Humpi wunderte sich nie über etwas. So auch nicht darüber, dass Jeremy auf einer Grabplatte kniete.
"Morgen, Jeremy. Muss jetzt hier fegen." nuschelte er, ohne ihn anzublicken, und fuhr fort, mit seinem Besen die angewehten Grashalme und Blätter zusammen zu fegen.
Jeremy stellte sich auf seine Beine und spürte wie sie zu kribbeln anfingen. Offensichtlich hatte er doch längere Zeit im Knien verbracht als er gedacht hatte. Er wunderte sich darüber, dass es bereits anfing hell zu werden. Ein Blick auf seine Armbanduhr zeigte ihm, dass es bereits 6.45 Uhr war. Konnte das sein? Er hatte sich doch gerade erst hingekniet um sich auf die blaue Welt zu konzentrieren. Mehr als ein paar Minuten konnten unmöglich vergangen sein. Doch die ersten Sonnenstrahlen, die durch die alten Eichen des Friedhofes stachen und die Grabsteine in unwirkliches Licht tauchten, ließen keinen Zweifel zu. Er hatte gerade mehrere Stunden seines Lebens verloren.
© 2008 C. Fischer
Das Copyright gilt besonders für das Konzept des PsiTerra-Universums, das Logo und die hier skizzierte Story.
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