Der Anfang "Haben Sie das Geld bei sich?" fragte der Mann, der ihr an dem kleinen 50er-Jahre Tisch gegenüber saß. "Zeigen Sie mir erst die Karte mit der Aztekenruine." Celestine versuchte ihrer Stimme einen festen Klang zu geben, wollte aber dennoch nicht zu theatralisch wirken. Sie war keine Lara Croft in einem virtuellen Abenteuerspiel, sondern nur eine Archäologin, die die meisten ihrer Thesen aus alten Schriften abgeleitet hatte. Feldforschung war ihr völlig fremd. Doch heute hatte sie keine andere Wahl. Fernandez, der Mann, der angeblich Informationen über eine Aztekenfestung mitten im Purepecha-Gebiet hier im mexikanischen Hochland besaß, holte aus der Innentasche seiner abgenutzten Lederweste ein mehrfach gefaltetes Stück Papier heraus. Offensichtlich eine Kopie, doch wenn die Lage der Überreste darin verzeichnet sein sollten, war es ihr egal, dass sie nicht das Original bekommen würde. Vermutlich plante Fernandez noch mehr arglose Touristen auszunehmen. Während Celestine darauf wartete, dass der, vor ihr sitzende, Mann die Karte ausbreiten würde, wurde ihr plötzlich bewusst, dass sie die ganze Zeit über Spanisch gesprochen hatte. Spanisch? Sie konnte doch kein Wort Spanisch! Nichtsdestoweniger hatte sie diese Stimme, die fast wie ihre eigene klang, selbst gehört und auch alles verstanden, was der fremde Mann vor ihr geäußert hatte. Zusätzlich hatte sie das unbestimmte Gefühl, dass ihr Name nun Annelie sei. Ein Traum? Das konnte nur eine Traum sein! Aber wenn man sich bewusst war, dass man träumte, konnte man dann nicht auch die Handlung beeinflussen? Celestine jedenfalls konnte es zu ihrem Leidwesen nicht, denn sonst hätte sie sich in eine freundlichere Umgebung geträumt. Die Lobby des drittklassigen Hotels, in dem sie gerade saß, hatte schon bessere Zeiten gesehen. Die verblassten lilafarbenen Vorhänge vor den Fenstern passten so gar nicht zu den dunkelgrün gestrichenen Wänden. Außerdem verströmte der Mann vor ihr einen unangenehmen Geruch nach altem Schweiß, Rauch und Knoblauch. Wäre es ihr Traum, würde sie aufstehen und sich ein nettes Plätzchen draußen im Schatten unter dem verzweigten Baum suchen, den sie durch die offene Eingangstür erkennen konnte. Sie würde sich von einem Kellner einen Mixdrink mit Schirmchen bringen lassen und der Mariachi-Band lauschen, deren einschmeichelnde Gitarrenklänge von Ferne leise zu ihr wehten. Stattdessen beugte sich die Frau, aus deren Augen sie diese Szene zu beobachten schien, über die offensichtlich handgezeichnete Karte. Sie schien ziemlich ungenau zu sein, aber Celestine konnte den inneren Zwang der Archäologin spüren, diese Karte unbedingt besitzen zu wollen. "Die ist ziemlich ungenau. Sie sagten doch, damit würde ich die versteckte Ruine mit Sicherheit finden?!" Der gespielt vorwurfsvolle Ton sollte über Annelies Begeisterung hinweg täuschen, endlich ihrem Ziel näher gekommen zu sein. "Aber was soll's , ich nehme sie trotzdem." fügte sie sicherheitshalber schnell hinzu, ohne ihrem Gegenüber eine Chance zu einer Antwort zu lassen. Annelie wurde immer begieriger darauf, die Karte an sich nehmen zu können. Sie schob Fernandez mit vorgeschobener Gleichgültigkeit einen ganzen Stapel fremdländisch aussehender Geldscheine zu. Bevor der Mann auf den Gedanken kommen könnte, mehr Pesos aus ihr heraus zu pressen, griff sie hastig nach der Karte, stand auf und flüchtete fast aus der dunklen Lobby. Celestine, die noch immer in der Archäologin fest saß, konnte sogar ihre Gedanken hören und ihre Erleichterung spüren. Es war so, als ob sie für diesen Traum nicht sie selbst wäre, sondern in das Leben einer Anderen geschlüpft sei. So langsam begann es Celestine jedoch Spaß zu machen. Endlich einmal passierte etwas Aufregendes in ihrem Leben - wenn auch nur in einem Traum. Etwas, dass nichts mit Mitgliederanträgen und dem langweiligem Papierkram zu tun hatte, mit dem sie sich in ihrem Job bei der Umweltschutzorganisation GENO ständig auseinander setzen musste. "Hallo Professor Mentes, hier ist Dr. Annelie Montgomery. Ich rufe Sie aus Patzcuaro in Mexiko an," begrüßte Annelie ihren verdutzten Mentor über das altmodische, schwarze Telefon. Das Bedürfnis, mit jemanden ihren ersten Erfolg zu teilen, hatte sie ihre Schritte direkt zu der kleinen Poststelle leiten lassen, die nur zwei Straßen von dem schäbigen Hotel entfernt lag. "Stellen Sie sich vor, ich habe tatsächlich eine Karte von der Aztekenfestung mitten im Purepecha-Gebiet erwerben können .... nein, nein, ich denke schon, dass sie echt ist. Mein Informant glaubte wohl, ich suche einen Schatz. Aber Sie wissen ja, ich bin nur auf der Suche nach dem Beweis, dass die Azteken hier eine weibliche Priesterin stationiert hatten. Wäre das nicht eine Sensation? ... Ja, klar, ich bin vorsichtig. ... nein, das will ich selbst tun. Ich habe schon eine Gruppe arbeitswilliger Einheimischer gefunden, die mich dorthin begleiten werden. ... Drei Tage. ... Nein, nicht länger. Ich denke, ich brauche einen Tag für den Aufstieg, mehr nicht. Ich melde mich, sobald ich wieder da bin. Wünschen Sie mir Glück. ...Danke. Bis in drei Tagen dann." Annelie legte den Hörer wieder auf, bezahlte das Auslandsgespräch mit der Uni in England am Postschalter und eilte durch die Straßen der, für Touristen sanierten, Bergstadt weiter zu ihrem Ziel. Welches dies war, konnte Celestine nicht erkennen, denn bewusst dachte Annelie im Moment nur über mystische Symbole, aztekische Riten und ähnliches nach. So hatte Celestine Zeit, sich die Häuser genauer zu betrachten, an denen Annelie vorbei hastete. Sie waren fast alle weiß gestrichen und hatten am Boden bis in etwa 1 Meter Höhe eine rote Bordüre. "Levantarte, es geht los. Macht euch fertig, Wir werden in einer halben Stunde in die Berge ziehen." Annelie zog bei ihrem Redeschwall in fließendem Spanisch einen mexikanischen Arbeiter ungeduldig am Hemdsärmel hoch, der sich im Schatten eines alten Toyota Pickups ausgeruht hatte. Ihre, für Südamerika so untypische Hektik, ließ auch die anderen Arbeiter auf der Ladefläche des schrottreifen Gefährtes aufmerken. Sie waren allesamt in ausgefranste, weite Hosen gekleidet, die ihre dünnen, fast ausgetrockneten Körper umgaben. Einige hatten indianische Züge. Alle waren Männer. Celestine bemerkte nun, dass sie sich inzwischen auf einem Marktplatz mit mehreren, in den strahlend blauen Himmel ragenden, Bäumen befand, dessen Blätter und Äste erst in luftiger Höhe begannen. Rund um den, mit Kopfsteinen gepflasterten, Platz befanden sich in den Arkaden der zweistöckigen Gebäude eine Vielzahl an Kunsthandwerker- und Souvenirläden. Über jeder Nische hatte man den Name des jeweiligen Ladens an die weißen Wände gepinselt, wobei der erste Buchstabe immer rot und die restlichen schwarz waren. Während Celestine sich gerne noch weiter den Platz mit seinen Kolonialstilhäusern angesehen hätte, war Annelie schon weiter zu ihrem Hotel gelaufen. Das Schild über dem Eingang lautete Mision San Manuel. Sie betrat den hoteleigenen Patio, in dem ein Brunnen leise plätscherte, durch ein mit Schnitzereien verziertes Portal. Danach hastete sie zwei Etagen einer außen liegenden Steintreppe hinauf und wandte sich schnellen Fußes in Richtung des gegenüberliegenden Gebäudeteils, den man durch die umlaufenden Torbögen betrachten konnte. Das Hotel wirkte wie eine gemalte Postkarte. Überall waren tönerne Pflanzgefäße mit großen Aloe Vera Gewächsen verteilt, die die friedliche Atmosphäre des ehemaligen Klosters zu bewahren schienen. Nachdem Annelie wahllos verschiedene Kleidungsstücke, ein Notebook und einige Filmrollen samt Kamera in ihren Rucksack gestopft hatte, ließ sie die schwere hölzerne Zimmertür mit einem satten Geräusch ins Schloss fallen und war bereits wieder auf dem Weg zu ihrer Expeditionsgruppe. Warum musste es diese Frau immer nur so eilig haben? Celestine hätte gerne wenigstens einen kurzen Blick in die kleinen Gassen geworfen, an denen Annelie achtlos vorbeilief. Schon tauchte wieder das Emailleschild mit dem Namen Plaza Don Vasco de Quiroga vor ihr auf. Die Szene auf dem Marktplatz hatte sich in der kurzen Zeit, die Annelie zum Packen gebraucht hatte, kaum verändert. Ein wenig erinnerten die herumstehenden, schwatzenden Männer und die Frauen mit ihren schwarzen, langen Haaren, die hinter den offenen Verkaufstresen standen, an ein Gemälde von Diego Riviera. Nur dass seine Frauen bunte Trachten trugen, während hier die Jeans das bevorzugte Kleidungsstück zu sein schien. "Por Favor, señores al camión," forderte Annelie ihre Arbeiter auf, die sich von ihren, am Pickup stehenden, Frauen verabschiedeten und es sich auf der Ladefläche mit ihren Körben bequem zu machen begannen. Annelie stieg vorne neben dem Fahrer ein. Zuerst ging es auf der Schnellstraße nach Quiroga zügig voran, doch dann bog der Fahrer auf Annelies Anweisung hin, in einen ungepflasterten Weg ein, der sich steil die Berghänge hoch wand. Die Sonne brannte heiß auf das Blechdach und die Temperaturen im Inneren stiegen zu Hochofenwerten an. Der Schweiß rann Annelie in Strömen am Rücken herunter und sie wünschte sich, den Platz mit den Arbeitern auf der Ladefläche tauschen zu können. Doch ihre zwei Wochen Aufenthalt in Mexiko hatten sie bereits gelehrt, dass von Männern und Frauen bestimmte Anstandsregeln einzuhalten waren. So wusste sie auch, dass sie noch nicht einmal ihre Bluse gegen das bauchfreie Top einwechseln könnte, ohne den Unmut ihres Fahrers herauf zu beschwören. Nach einigen Stunden des Durchgerütteltwerdens machte sich bei Annelie ein dringendes Bedürfnis bemerkbar. So war sie froh, als der Fahrer mit den Worten "Esto es el final de esta calle" stoppte. Nach einer kleinen Ruhepause, in der Annelie sich unter den neugierigen Augen ihrer Arbeiter hinter einem entfernten Busch zurückzog, und dem Verteilen des gesamten Gepäcks auf alle Männer, marschierten sie zu Fuß weiter. Die Sonne hatte ihren Zenit schon vor ein paar Stunden überschritten. Lange Schatten zogen an den Hängen auf. Das Zwielicht ließ die Vegetation zu skurrilen Figuren mutieren, während die Gruppe einem Trampelpfad folgte, der sich stetig bergauf schlängelte. Das Atmen fiel Annelie immer schwerer. Schließlich befanden sie sich bereits in über 2500 Meter Höhe und noch immer nahm der Weg kein Ende. "Hier entlang". Annelie hatte einen schmalen Durchlass entdeckt, auf sie sich waagerecht am Berghang entlang hangeln konnten. Er war allerdings so schmal, dass die Arbeiter nur noch hintereinander klettern konnten. Nach dem Getuschel zu urteilen, waren sie davon nicht gerade begeistert. Die Stimmung, die anfangs einem fröhlichen Sonntagsausflug geglichen hatte, begann umzuschlagen. Annelie hatte dies schon vor einer halben Stunde bemerkt und bemühte sich nun verzweifelt, den Platz, den die ungenaue Karte von Fernandez zeigte, zu finden. "Mire allí!" Hörte sie plötzlich einen Arbeiter aus den hinteren Reihen rufen. Dem ausgestreckten Finger folgend, entdeckte sie eine Lichtung auf einem kleinen Hochplateau. Geschafft. Auch die Beobachterin Celestine war froh, dass die Gruppe den Ort der Ruine gefunden hatte. Es waren zwar nicht ihre Beine, die den ganzen langen Weg gewandert waren, aber sie fühlte durch Annelie die Erschöpfung, als wäre sie selbst gelaufen. Annelie befahl das Lager aufzuschlagen. Während sich die Mexikaner um das Essen kümmerten und das Zelt für ihre Expeditionsleiterin aufschlugen, schnappte Annelie sich ihre Kamera, um die Ruinen näher zu begutachten. Dabei schwirrten ihre Gedanken um die erhoffte Sensation. In dieser Gegend lebten einst die Tarasken oder Purepecha, wie sie sich selbst nannten, die sich nie hatten erobern lassen. Jedoch hatte Annelie Hinweise auf eine Festung der Azteken gefunden, die versucht hatten, von einem sicheren Standort aus, den Kampf zu gewinnen. Dazu war es aber nie gekommen. Doch in der Zeit ihres Aufenthaltes im Purepecha-Gebiet brachten die fremden Möchtegern-Invasoren ihre Glaubenswelt mit. Dazu gehörten auch die Menschen-Opferungen an den Altären, um den Gott, der für den Lauf der Sonne und der Erde zuständig war, zur Mitarbeit zu bewegen. Entgegen der üblichen Praxis, nur männliche Priester zu beschäftigen, gehörte diesmal eine Priesterin zu ihrem Gefolge, um ihren Feinden vor Augen zu führen, dass selbst ihre Frauen furchterregend und gefährlich waren. Zumindest war es das, wofür Annelie hoffte, hier Beweise zu finden Da in Mexiko Avocado-Plantagen aber einträglicher waren als archäologische Schätze, wurden viele Ruinen im Privatbesitz nicht zu Grabungen frei gegeben. So auch die Ruine nicht, die jetzt vor ihr lag. Plünderer hatten sie dennoch schon mehrfach durchsucht, wie die heraus gebrochenen Steine der Mauerreste bewiesen. Auch fanden sich leere, verrostete Dosen und zerknüllte Zigarettenschachteln in den umliegenden Sträuchern. Für Schatzsucher sicher enttäuschend, doch für Annelie war dieser Ort das Ziel ihrer Suche. Hinter einer Buschgruppe versteckt, fand sie schnell den Opferaltar, der früher einmal mit Obsidiansteinen verziert gewesen war. Diese waren längst herausgebrochen worden. Doch das für sie Wichtigste an diesem Stein war noch vorhanden: die eingeritzten Symbole an den Seiten des Altars. Celestine fühlte die Erregung in Annelie deutlich ansteigen. Bereits ein erster Blick auf die, für die stille Beobachterin in Annelies Bewusstsein, völlig wirren Zeichen, hatten der Archäologin gezeigt, dass sie recht behalten würde. Hier hatte ein weibliches Mitglied der Priesterschaft praktiziert, vermutlich die einzige Priesterin der Azteken überhaupt. Eine Sensation. Innerlich jubelte sie. Der Bericht über ihre Entdeckung würde sie in der Fachwelt aus der Bedeutungslosigkeit herausheben und den Kollegen, die sie die ganze Zeit belächelt und nicht für voll genommen hatten, eine Lehre sein. Aufgeregt kroch sie auf Knien um den Altarstein herum, um ihn aus allen Blickrichtungen fotografieren zu können. Langsam brach die Nacht über sie herein. Annelie wollte gerade für heute Schluss machen, als sie ein Rascheln direkt hinter ihrem Rücken wahrnahm. Sie wagte kaum noch zu atmen. In einem Reiseführer über Mexiko hatte sie gelesen, dass es hier 322 Schlangenarten, wovon aber nur etwa 20% giftig wären. Hoffentlich waren die giftigen Schlangen nicht gerade in diesen Berghängen unterwegs. Vorsichtig begann sie aufzustehen. Da passierte es, ein stechender Schmerz in ihrer linken Wade. Erschrocken schrie sie auf. In diesem Moment hörte Celestine ein Handy in weiter Ferne klingeln, während die kargen Büsche und die Ruinenreste sich langsam vor ihren Augen aufzulösen begannen. Was war das denn? Wurde sie ohnmächtig? Das war ihr noch nie passiert! Die Klingelmelodie wurde immer penetranter. Celestine hatte Mühe, ihre Augen wieder zu öffnen. Ihr Bewusstsein kämpfte sich langsam an die Oberfläche der Realität. Das Erste, was sie erblickte, war die Stuckrosette an der Zimmerdecke, die ihr unmissverständlich klar machte, dass sie nicht auf einem grasbewachsenen, mexikanischen Berghang lag, sondern zuhause in ihrem Bett, während ihr Handy immer noch vibrierend und klingelnd über die Platte ihres Nachttisches rutschte. Sie war wieder zurück in ihrem eigenen Körper, wach und ohne fremde Gedanken in ihrem Gehirn. Dafür aber mit viel Ärger am Hals, wie der kurze Blick auf die Anrufliste ihres Handys zeigte. Ihr Vorgesetzter hatte versucht, sie zu erreichen und dies sicherlich nicht, um ihr einen Guten Morgen zu wünschen, nachdem sie nun schon zum wiederholten Male verschlafen hatte. "Mist, Mist, Mist!" fluchte Celestine vor sich hin, während sie, die Benommenheit abschüttelnd, aus dem Bett sprang und ins Badezimmer eilte. Heute musste nicht nur das Frühstück ausfallen, sondern auch die Dusche und das Heraussuchen passender Outfits aus ihrem umfangreichen Kleiderschrank. Celestine zog sich die Jeans und die ein wenig zerknitterte Bluse vom Vortag an, die sie auf die Sitzbank am Fenster geworfen hatte. Ein kurzer Blick in den Spiegel, die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden und schon war sie auf dem Weg ins Büro. Zum Glück lag ihre Wohnung nur einige wenige Straßen von der deutschen Anlaufstelle der international operierenden Umweltschutzorganisation GENO entfernt. Der späte Morgen hatte den vorhergesagten Nebel bereits abgeschüttelt und die Spätsommersonne begann, die Steine und den Asphalt der Stadt aufzuwärmen. Auf dem Weg ins Büro kaufte sie normalerweise ihr zweites Frühstück ein. Auch diesmal drangen wieder verführerische Düfte nach Pflaumenkuchen, knusprigen Brötchen und frisch aufgebrühtem Kaffee in ihre Nase. Doch sie war schon viel zu spät dran und wollte es nicht riskieren, ihren Chef noch mehr zu verärgern. Das Büro von GENO befand sich im ersten Stock eines mehrstöckigen, funktionalen Bürogebäudes, dass so gar nicht zum Image einer Umweltschutzorganisation passen wollte. Aber GENO war auch nicht typisch für diese Art Organisationen. Gegründet von einem englischen Wissenschaftler vertrat die Firmenleitung die Ansicht, dass man der Natur nur helfen konnte, indem man sie erforschte. Erst danach könnte man Schäden von der Wurzel her beheben oder verhindern. GENO, dessen Name die Abkürzung für Global Earth and Nature war, legte Wert darauf, nicht durch medienwirksam angelegte Veranstaltungen, sondern durch herausragende Forschungsergebnisse in die Geschichte einzugehen. Dabei bot die Vereinigung auch Laien die Chance, sich an wissenschaftlichen Projekten, gegen eine genau festgelegte Spende, aktiv zu beteiligen. Anwälte, Ärzte, Lehrer und andere Menschen, die das nötige Kleingeld besaßen, ergriffen gerne die einmalige Möglichkeit, die Arbeit einer Forschergruppe aus nächster Nähe zu erleben. Dieses unbeschreibliche Gefühl, dabei zu sein, wenn der Grundstein für ein bedeutendes Ergebnis gelegt wird, rief bei den meisten Teilnehmenden ein unvergessliches Hochgefühl hervor, weswegen viele Mitglieder immer und immer wieder an Forschungsprojekten teilnahmen. "Guten Morgen." Celestines in den Raum geworfener Gruß kam nur als schwaches Echo zurück. Die Meisten waren bereits in ihre tägliche Arbeit vertieft. Kaum jemand ihrer 17 Kollegen blickte auf, als Celestine sich schnurstracks zu ihrem Schreibtisch begab. Ihr kleines Reich lag im hinteren Teil des Großraumbüros, direkt neben der halbhohen, grauen Aktenschrankwand. Bevor sie sich setzen konnte, erblickte sie den giftgrünen Notizzettel, auf den in schnörkellosen Buchstaben stand: >Paul wünscht Sie zu sehen, sobald Sie eingetroffen sind.< Typisch. Das konnte nur die aus England mitgebrachte Sekretärin des Chefs geschrieben haben. Obwohl man Engländern nachsagte, dass sie lieber einmal mehr als zu wenig, Bitte und Danke sagten, schien diese Eigenschaft nicht für alle Vertreter des Inselstaates zu gelten. Celestine atmete einmal tief durch und setzte ihr zerknirschtes Gesicht auf. Mr. Sollsby oder Paul, wie er sich gerne nennen ließ, um seine Loyalität zu seinen Angestellten zu demonstrieren, war ein typischer Macho. Solange ihm seine weiblichen Untergebenen Respekt entgegen brachten und ihm das Gefühl gaben, der Größte zu sein, hatte man mit ihm leichtes Spiel. Diesmal jedoch nicht, wie Celestine auf den ersten Blick sehen konnte, als sie sein eichengetäfeltes Büro mit Sicht auf den Fluss, betrat. "Nehmen Sie Platz, Frau Rabenstein." Celestine ließ sich ergeben, mit gesenktem Blick in den unbequem aussehenden Stuhl nieder, der einem das Gefühl gab, nur eine kleines Schräubchen im Getriebe zu sein. Frau Rabenstein und nicht Celestine hatte er gesagt. Das verhieß nicht Gutes. "Sie erinnern sich sicher, dass ich Ihnen vor nicht einmal zwei Monaten eine Abmahnung wegen Ihrer ständigen Verspätungen aussprechen musste. Trotz Ihrer Beteuerungen, sich zu ändern, ist die Situation nicht besser geworden. Meine Sekretärin hat mir einmal aufgelistet, an wie vielen Tagen sie mehr als 10 Minuten zu spät gekommen sind." Während er Celestine einen erwartungsvollen Blick zuwarf, schlichen die Sekunden im Schneckentempo dahin. Was sollte sie jetzt tun? Leugnen? Das war wohl sinnlos, denn kaum jemanden dürfte es in den letzten Wochen entgangen sein, dass sie fast regelmäßig wenige oder auch mehrere Minuten später als alle anderen zu ihrem Arbeitsplatz gehastet war. "Es waren genau 12 Tage. Wollen wir einmal gemeinsam rechnen, wie viele Minuten sie insgesamt versäumt haben und diese dann mit ihrem Gehalt multiplizieren?" Celestine hätte auf diese Frage schon eine passende Antwort für den Mann vor ihr parat gehabt, der sein kleines Machtspielchen mit ihr zu genießen schien. Stattdessen zählte sie ganz langsam bis drei, entspannte ihre inzwischen zu Fäusten geballten Hände und versuchte so niedergeschlagen und bereuend wie möglich auszusehen, um schnell dieser Standpauke zu entkommen. "Nun, ich denke, wir können uns dies im Interesse einer effizienten Verwaltung sparen." Celestine atmete erleichtert auf und war schon im Begriff aufzustehen, als die nächsten Worte ihres Chefs wie das Messer einer Guillotine in ihr Bewusstsein drangen. "Meine Sekretärin hat Ihre Papiere bereits fertig gemacht. Sie verstehen natürlich, dass ich Ihnen kein vorteilhaftes Zeugnis ausstellen konnte. Im Interesse ihrer weiteren beruflichen Laufbahn, habe ich mich dennoch bemüht, ihr Fehlverhalten so positiv wie möglich zu formulieren." Was meinte er bloß damit? Von welchem Zeugnis sprach er denn? Hatte er gerade gesagt, dass sie entlassen war? "Bitte packen Sie Ihre Sachen gleich zusammen. Ein weiteres Verweilen in unserer Firma halte ich nicht für angebracht. Den Lohn werden wir Ihnen noch bis Ende dieses Monats zahlen. Auf Wiedersehen und viel Erfolg in ihrem weiteren Lebensweg." Er schob ihr einen Umschlag mit den erwähnten Papieren zu und begann, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, seine tägliche Post zu öffnen. Celestine konnte es nicht fassen. Gekündigt. Hinausgeworfen. Abgeschoben. Und weswegen? Nur weil sie im Moment Schwierigkeiten hatte, sich aus den nächtlichen Träumen zu befreien, die anfingen immer realistischer zu werden. Benommen und überrumpelt von dem unerwarteten Ausgang des Morgens, nahm sie den Umschlag an sich und verließ das Zimmer. Auf dem Weg zu ihrem Schreibtisch fühlten sich die neugierigen Blicke ihrer Kolleginnen wie Lanzenstiche bei einem Spießrutenlauf an. Sie wagte niemanden in die Augen zu sehen. Mit gesenktem Kopf steckte sie ihren roten Lieblingskugelschreiber, der auf Hautwärme mit einem milchigweißen Leuchten des unteren Griffes reagierte, in ihre Handtasche und drückte das knuffelige Kamel aus sandfarbenem Plüsch an sich, dass sich seit einigen Jahren auf ihrem Monitor lang gemacht hatte. Weitere persönliche Gegenstände hatten sich auf ihrem Schreibtisch nicht angesammelt, denn Celestine hielt nichts davon, Privates und Dienstliches zu vermischen. Außerdem war sie noch nie der Typ gewesen, der knallrote, blinkende Pappherzen, kitschige Glücksbringer in Bärchenform oder gerahmte Fotos sämtlicher Familienmitglieder um sich herum gruppieren musste, um sich wohl zu fühlen. Was sollte sie denn nun tun? Seit mehr als 15 Jahren ging sie jeden Morgen den Weg am Bäcker vorbei zu diesem Großraumbüro. Sie hatte miterlebt, wie alle in eine Ecke zusammen rücken mussten, weil die Luftkanäle der Klimaanlage erneuert werden mussten. Sie hatte jedes Jahr Weihnachten beim Aussuchen und Schmücken des Weihnachtsbaumes geholfen, der immer am 1. Dezember mitten im Raum aufgestellt wurde. Das würde ihr fehlen. Das heimelige Gefühl und die Erinnerungen an Bilderbuchfesttage, auf die die englische Geschäftsleitung immer soviel Wert gelegt hatte. Obwohl sie auch ihre kleine Jugendstilwohnung festlich dekorierte, hatte sie in ihrem Wohnzimmer stets die vielen freudigen Stimmen vermisst, die zu einem Fest der Familie und des Miteinanderseins einfach dazu gehörten. Arbeitslos. Ohne Job. Wieso hatte sie gegen die Träume nur nicht schon früher etwas getan? Sie hatte sich bei GENO zwar nie ausgelastet gefüllt und oft bedauert, nicht etwas Spannenderes machen zu dürfen, aber trotzdem fiel es ihr schwer, sich vorzustellen, nie wieder ein Teil der kleinen Gemeinschaft hier im Großraumbüro zu sein. Ihr letzter Blick zurück zeigte ihr die teils neugierigen, teils mitleidigen Gesichter ihrer Kollegen. Mit Einigen hatte sie sich recht gut verstanden, obwohl die Beziehungen ausschließlich auf beruflicher Ebene stattfanden. Lediglich mit ihrer Schreibtischnachbarin hatte sie etwas engere Kontakte gepflegt. Gelegentliche gemeinsame Shoppingtouren und etwas Small Talk am Kaffeautomaten führten zu einem fast vertrauten Miteinander, obwohl das Verhältnis letztendlich immer eine wenig distanziert geblieben war. Doch auch sie hatte in dieser Situation keine aufmunternden Worte für Celestine aufbringen können. Dazu standen sie sich nicht nahe genug. Celestine fuhr zum letzten Mal hinunter ins Erdgeschoss, in Gedanken immer wieder das Gespräch ihrer Entlassung durchspielend. Was sollte sie jetzt nur machen? Ihr war nach Heulen und ins Bett legen zumute. Am liebsten würde sie sich unter die Decke kuscheln und nie wieder aufstehen. GENO war für eine lange Zeit Teil ihres Lebens gewesen. Eine sich wiederholende Episode in ihrem Alltag, etwas, dass beständig blieb und Sicherheit gewährte. Vorbei! Tränen stahlen sich in Celestines Augen., während sie automatisch weiter den gewohnten Nachhauseweg einschlug. Das Hupen eines Taxis ließen sie aus ihrer Grübelei hochschrecken. Der Fahrer fluchte wild gestikulierend in Celestines Richtung. Beinahe wäre sie ihm ins Auto gelaufen. Celestine versuchte, sich zusammen zu reißen. Immerhin gab es in Deutschland 4 Millionen Arbeitslose. So schlimm konnte es doch nicht sein. Wo war nur ihr Optimismus geblieben? Sie war es doch, die immer behauptet hatte, dass man aus jeder Situation etwas lernen und man alles positiv nutzen könne. Statt sich auszumalen, wie ein Leben ohne regelmäßige Gehaltsschecks aussehen würde, sollte sie lieber die Chance ergreifen, endlich einmal einen Job zu finden, der sie befriedigte und ausfüllen könnte. Doch nicht gerade jetzt. Ihr war immer noch zum Heulen zumute. Sie brauchte jetzt ganz dringend ein wenig Zuspruch und jemand, der ihr sagte, dass alles wieder gut werden würde. Roxana! Genau! Ihre Freundin Roxana war genau die Richtige. Sie lebte nur einige Kilometer entfernt in einem Vorort und hielt in ihrer großen, gemütlichen Küche mit dem riesigen Esstisch immer ein Stück frischen Kuchen und aromatischen Früchtetee bereit. Celestine ging gar nicht erst mehr nach Hause, sondern gleich weiter zu ihrem blauen Volvo, der am Straßenrand nicht weit von ihrer Wohnung entfernt, parkte. Sie überlegte kurz, ob sie Roxana vorher anrufen sollte, entschied sich aber dagegen. Sie wollte am Telefon nicht über ihre Demütigung sprechen. Während sie sich in den Verkehr einfädelte und den Schildern für den Fernverkehr folgte, gingen ihr wieder die Träume durch den Kopf, die an dem ganzen Schlamassel Schuld waren. Bereits vor mehreren Monaten hatten sie begonnen. Anfangs waren es nur kurze Ausschnitte gemischt mit Tageseindrücken oder Fetzen aus Fernsehfilmen, die sie abends zuvor gesehen hatte. Doch nach und nach nahmen die Träume an Intensität und Länge zu. Jedenfalls kam es ihr so vor, als ob die Handlungen stundenlang dauern würden. Celestine hatte inzwischen die, sich durch die Felder schlängelnde, Landstraße erreicht und schlich in der schmale Baumalle hinter einem Lastwagen für Tiefkühlkost her. Die Bäume, deren kräftige Äste hoch oberhalb der Straße einen Bogen bildeten, sahen aus wie ein grüner Tunnel mit Lampen aus Sonnenlicht, das durch die Zweige schien. Am Ende des Tunnels würde sie fast schon in Roxanas Dorf einbiegen können. Wieder schweiften ihre Gedanken zurück zu den Ereignissen der letzten Wochen. Denn nicht nur die Träume hatten ihr zu schaffen gemacht, sondern auch die merkwürdigen Begegnungen mit wildfremden Menschen. Neulich erst auf dem Weg zur Arbeit. Die Arbeit, die sie jetzt nie wieder machen würde. Eine Träne kullerte ihr aus den Augenwinkeln. Tapfer versuchte sie den alles umfassenden Gedanken der drohenden Arbeitslosigkeit zu verdrängen und sich an die Begebenheit vor ein paar Tagen zu erinnern. Es war an einem Montag morgen gewesen. Ausnahmsweise hatte sie nichts geträumt gehabt und auch den Wecker nicht überhört. Wie sie es gewöhnt war, hatte sie in Ruhe gefrühstückt und sich dann auf den Weg ins Büro gemacht. Der Bäcker an der Ecke hatte an diesem kühlen Morgen einen Zwiebelkuchen ins Schaufenster gestellt, an dem Celestine nicht vorbeigehen konnte. Gerade als sie den Laden betreten wollte, wurde de Tür aufgestoßen und ein älterer Mann in einem grau-karierten Jackett stieß mit ihr zusammen. Eine Entschuldigung murmelnd wollte sie sich schon abwenden, als der Mann sie plötzlich mit beiden Armen packte und sie mit seinen durchdingenden grauen Augen anstarrte. Er sagte kein Wort, blickte sie nur weiter an. Celestine fühlte sich nicht direkt bedroht, denn nur zwei Schritte nebenan waren weitere Kunden beim Bäcker und auf der Straße eilten andere Angestellte zu ihren Arbeitsplätzen. Sie war lediglich irritiert. Bevor sie sich noch befreien oder etwas sagen konnte, ließ der Mann sie abrupt los und sagte: "PsiTerra braucht Sie!". Dann nahm er ihren rechten Arm, schob den Ärmel ihrer blauen Shirtjacke hoch und malte mit seinen gepflegten Fingern einen Kreis und ein Dreieck auf ihren Unterarm. Danach ließ er sie abrupt los und hastete davon, als ob ihm plötzlich eingefallen war, dass er seinen Herd nicht abgeschaltet hatte. Wenn sie jetzt an diese merkwürdige Begebenheit dachte, fragte sie sich, warum sie dem Mann nicht einfach gefolgt war oder ihn wenigstens gefragt hatte, was das Ganze bedeuten soll. Das Ende der Baumalle war in Sicht. Nur noch ein paar Minuten und sie hatte den kleinen, idyllischen Ort erreicht, der aus einem Bildband für die schönsten Dörfer Norddeutschlands hätte stammen können. Tatsächlich gewann der kleine Ort mehr Preise als andere vergleichbare Dörfer. Nicht zuletzt deswegen, weil viele Städter sich in dem ländlichen Paradies zurückgezogen und sich einige sehr extravagante Villen gebaut hatten. Da der Bürgermeister sich sehr wohl bewusst war, dass Einfluss und Geld nie schaden können, wurden die Bauvorschriften sehr lax gehandhabt und erlaubten Häuser im mediterranen Stil ebenso wie Holz-Stahlkonstruktionen, die jedem Designerwettbewerb alle Ehre gemacht hätten. Regelmäßig waren Fototeams von Schöner-Wohnen-Zeitschriften zu Gast, um sich neue Ideen zu holen und die Häuser für ihre Magazine abzulichten. Roxanas Haus gehörte allerdings nicht dazu. Celestine parkte ihren Wagen mitten im unregelmäßig gepflasterten Innenhof, der durch das ehemalige Stallgebäude, das Wohnhaus und ein Silo begrenzt wurde. Das Bauernanwesen aus dem frühen 20. Jahrhundert hatte schon bessere Zeiten gesehen. Doch Roxana war eine begeisterte und ausdauernde Heimwerkerin. Sie verbrachte ihre meiste Zeit mit dem Ausbessern und Verschönen des Wohntraktes. Da sie erst vor drei Jahren zugezogen war, hatten ihr Mann, der 4 von 5 Wochen auf einer Ölplattform in der Nordsee arbeitete, und sie beschlossen, dem Wohnhaus höchste Priorität zu geben. Das als Garage benutzte Stallgebäude und der leerstehende Silo mussten warten, bis mehr Geld und Zeit für die notwendigen Reparaturen vorhanden sein würde. Ob Roxana wohl zuhause war? Celestine hoffte es sehr. Da sie wusste, dass die Küchentür zum Garten immer aufstand, lief sie um den Silo herum in den weitläufigen Bauerngarten, der wenig Pflege benötigt hatte, um sein ursprüngliches Aussehen zurück zu gewinnen. Sofort merkte sie wie die Ruhe der ländlichen Umgebung von ihr Besitzt ergriff. Es war eine gute Idee gewesen, hierher zu fahren. Der Duft der voll erblühten Stockrosen, das Knirschen der weißen Kieselsteinchen unter ihren Sohlen, das Zwitschern des Zaunkönigs irgendwo vor ihr auf dem umlaufenden Gatter der ehemaligen Pferdekoppel. All dies ließen sie ihre Gedanken zur Ruhe kommen. "Hallo Roxana." Eine schlanke, zierliche Frau mit einem hüftlangen dicken braunen Zopf, blickte aus den Tomatenpflanzen auf, in denen sie auf Knien ihre Ernte einbrachte. "Hallo Celestine, wie schön, dass Du mich mal aus de Reihe besuchen kommst. Ich habe gerade einen Apfelkuchen im Ofen. Hast Du Zeit? Dann kannst Du ihn gleich probieren. Ich muss nur noch kurz die restlichen Tomaten ernten. Bin gleich bei Dir. Geh doch schon mal in die Küche und decke den Tisch. Du weißt ja wo alles steht." Das war typisch Roxana. Keine Frage, warum sie an einem normalen Arbeitstag Zeit hatte, sie zu besuchen. Keine Umstände. Keine formelle Begrüßung. Es war als ob Celestine eine Teil ihrer Familie war. Ihr Gang fühlte sich gleich beschwingter an. Sie trat in die, wie immer makellos saubere, Küche und begann, die Steingutteller und Becher aus dem Holzregal an der Wand zu nehmen und auf den Tisch zu stellen. Der lange Buchenholztisch war der ganze Stolz von Roxana. Sie hatte ihn aus mehreren Bohlen selbst zusammen gezimmert, ohne dabei einen Nagel oder eine Schraube zu verwenden. Für die Technik des Verbindens ohne Metallteile hatte sie extra eine Volkshochschulkurs besucht. Dieser Tisch mit seinen stämmigen Beinen und abgerundeten Kanten war ihr Meisterstück geworden. "Ich glaube, der Kuchen ist jetzt fertig." Roxana war unbemerkt in die Küche gekommen, mit einen runden Korb voller roter Tomaten. Sie stellte den Korb auf den gefliesten Boden in der Nähe der Tür und holte das Backlblech aus dem Ofen. Sofort erfüllte der Duft nach warmen Äpfeln, Rosinen und Zimt den großzügig gestalteten Raum. Celstine ließ sich auf die geschnitzte Bank mit den blau-rot gestreiften Kissen fallen, die noch vom Vorbesitzer stammte. Nachdem Roxana den Kuchen aufgeschnitten und auf den Tisch gestellt hatte, begann Celestine ihr von ihrer Entlassung zu erzählen. "Das tut mir so leid, Celestine." Man sah es Roxana an, dass sie mit ihrer Freundin mitfühlte. "Ich weiß. Danke Dir fürs Zuhören." Celestine ließ eine, vom Kuchenboden gerutschte, Apfelspalte langsam im Mund zergehen. "Ich fühle mich schon besser, jetzt, wo ich es jemanden erzählen konnte." Während Roxana ihre ein weiteres Stück Blechkuchen auf den Teller legte, sagte sie: "Ich freue mich, dass Du mich besuchen gekommen bist. Nun können wir gemeinsam eine Lösung finden. Als erstes solltest Du einmal etwas gegen diese Träume tun." So war Roxana, praktisch bis zur letzten Faser ihres Seins. Aber sie hatte recht. Alles hatte mit den Träumen begonnen. "Du hast die Träume ja schon ein paar mal bei Deinen letzten Besuchen erwähnt, aber nie genau gesagt, worum es dabei ging. Erzähl doch mal." Mit diesen Worten nahm Roxana ihren Becher mit Früchtetee in beide Hände, zog die Beine unter sich hoch und lehnte sich im Schneidersitz auf der Bank zurück. Sie hatte wie immer viel Zeit und auch Zeit für Celestines Probleme. "Ich weiß nicht genau, wie ich das beschreiben soll. Alle Träume sind so, als ob ich sie aus den Augen einer fremden Person sehe. Ich weiß, dass ich träume, kann aber trotzdem nicht aufwachen und auch den Traum nicht verändern. Jede Nacht, oder sagen wir mal, fast jede Nacht, ist es eine andere Person, deren Leben ich verfolge. Oft sind es alltägliche Dinge, die diese Menschen tun. Aber manchmal durchleben sie auch ganz außergewöhnliche Ereignisse. Naja, zumindest für mich sind sie außergewöhnlich. Du kennst ja meinen normalen Alltag im Büro. Kanntest ihn..." Celestines Stimme begann zu zittern, die Tränen waren dabei den Damm zu durchbrechen. "Ach ja? Das klingt spannend. Dann sparst Du Dir die Ausgabe, einen Abenteuerroman zu kaufen." Obwohl Celestine merkte, dass Roxana sie mit dieser Idee nur aufheitern wollte, konnte sie sich eines Lächelns nicht erwehren. Sie war froh, eine Freundin wie Roxana zu haben. "Kannst Du Dich an einen dieser außergewöhnlichen Traumerlebnisse soweit erinnern, dass du sie mir erzählen kannst?" "Oh, das ist kein Problem. Fast alle Träume bleiben mir im Gedächtnis als hätte ich sie wirklich erlebt, als wären sie Teil meiner eigenen Erinnerung. Heute Nacht zum Beispiel war ich in einer Archäologin drin, die auf einer Expedition einen Altarstein gesucht hatte." Auch Celestine hatte ihre Beine zum Schneidersitz hochgezogen und starrte, in der Erinnerung zurückreisend, über ihren dampfenden Becher Tee hinweg in den Garten. Sie erzählte Roxana von dem Hotel, in dem die Archäologin gewohnt hatte, von dem Gespräch am Telefon mit ihrem Mentor, von den Purepecha und von der Schlange, die sie gebissen hatte. "WOW, das ist wirklich einmal etwas Anderes. Hast Du vielleicht Lara Croft in Premiere gesehen, bevor Du ins Bett gegangen bist?" "NEIN, habe ich nicht. Meine Archäologin hieß auch nicht Lara Croft sondern Dr. Annelie Montgomery." "Du kennst ihren Namen? Hast Du noch andere Namen und Orte in Erinnerung?" "Ja, klar. Ich sagte doch, es ist, als wäre ich letzte Nacht dort gewesen. Warum fragst Du?" "Lass uns doch einfach einmal nachprüfen, ob es die Orte und Personen, von denen Du träumst wirklich gibt. Schreibe bitte alle Namen auf, an die Du Dich erinnern kannst. Warte, ich hole Dir einen Stift und Papier." Celestine holte sich den Traum von letzter Nacht wieder ins Gedächtnis und begann alle Namen aufzuschreiben: Dr. Annelie Montgomerie Purepecha Patzcuaro Professor Mentes Fernandez Plaza ...irgendetwas…Quiroga Mission San Manuel "Ich glaube, das ist alles," rief Celestine in den rustikalen Flur hinein, in dem Roxana verschwunden war. Nach einem kurzen Moment tauchte das rosige Gesicht von Roxana ,dass einem jungen Apfel glich, im Türrahmen auf. Sie hatte einen Laptop unter dem Arm, den sie auf dem Küchentisch aufbaute und anschloss. "Na, dann wollen wir mal sehen, ob wir etwas finden." Roxana schnappte sich den handgeschriebenen Zettel mit den Namen. "Kannst Du mir sagen, was eine Person und was ein Ort ist?" "Patzcuaro ist der Ort, Mision San Manuel das Hotel und ..." "Alles klar, dann beginnen wir mit Patzcuaro," unterbrach Roxana ihre Freundin. "Da bin ich aber gespannt, was die Suchmaschine auswirft. " Gebannt starrten Celestine und Roxana auf den Monitor. Dank einer schnellen Satellitenverbindung tauchten die Ergebnisse in Sekundenschnelle auf. "Sieh mal, Patzcuaro gibt es wirklich. Es ist ein Ort in den Bergen von Mexiko." "Das stimmt. Die Archäologin hatte Mühe zu atmen, weil der Ort so hoch lag. Ich konnte fühlen, wie schwer ihr Herz schlug. Da war beängstigend." "Mal sehen, ob wir auch Dein Hotel finden." Roxana klickte auf die offiziellen Seiten von Patzcuaro und dort weiter auf den Menüpunkt Unterkünfte. Ein kurzes Scrollen und dann erblickte Celestine das gesuchte Hotel Mission San Manuel auf dem Bildschirm. Erstaunt sagte sie: "Das ist es. Ich erkenne die Torbögen wieder. Da drüben, das war ihr Zimmer." Celestine konnte es noch gar nicht richtig fassen. "Also habe ich den Traum nicht erfunden?! Aber vielleicht habe ich ja unbewusst irgendwo etwas über diesen Ort gelesen und ihn nur in meinem Traum verarbeitet?..." "Möglich wäre es natürlich. Wir müssten herausfinden, ob diese Montgomery in dem Ort gewesen ist und dort einen Fund gemacht hat. Was hat sie noch mal entdeckt?" "Einen Altarstein der Azteken mit Symbolen darauf, die beweisen, dass dort im Purepecha Gebiet die einzige weibliche Priesterin dieses Volkes praktiziert hat." "Mal sehen. Es gibt das eine Suchmaschine für wissenschaftliche Texte. Da müssten wir eigentlich fündig werden, wenn diese Dr. Montgomery ihre Entdeckung veröffentlicht hat." Wieder tippte Roxana die verschiedenen Suchbegriffe ein....
© 2008 C. Fischer
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